Poetry Slam „Zivilcourage“ -                JSR § SOR-SMC

Hier findet Ihr nochmals den finalen Text unserer Gewinnerin des Abends: Laura Wolber

 

Unsere liberale Welt
Montag Mittag,
Mutter Britta holt ihre Tochter vom Tennis ab,
Als der Tennislehrer plötzlich fragt,
Wieso sie denn alleinerziehend sei.
“Naja der richtige Mann war halt noch nicht dabei.” 
Der Tennislehrer schaut sie an und sagt
Er habe gut gemeinten Rat:
“Du bist so eine schöne Frau, an deinem Gesicht daran scheitert es nicht,
Ja im Gegenteil, mit deinen rosigen Wangen siehst du aus wie aus dem Bilderbuch geschnitten,
Womöglich hast du jedoch, wenn auch nur 2-3 Kilo zu viel auf den Hüften
Und dann dieses riesen Tattoo und das kurze Haar 
wirkt 
Trotz deiner charismatischen Art 
Eher maskulin...
Aber hey, das ist ein Tipp unter Freunden,
Denn ich weiß genau, du hast potential 
Und wirst du nur genug dafür kämpfen
Entsprichst auch du dem weiblichen Ideal."
“Naja was soll man da schon machen”, denkt sich Britta tief gekränkt,
Solch’ sexistischen Ansichten existieren wohl noch heut’ in unserer ach so liberalen  Welt.
Dienstag Mittag 14:12 Uhr
Tristan schlüpft aufgeregt in seine Schuh’
Schnell noch Parfüm drauf’ - Lipgloss - Rouge 
Und dann schwingt er sich auch schon aufs Rad
Durch die Innenstadt, vorbei zum Park
Wo auch schon sein David winkt und ruft.
Mit seine sanften Stimme und diese liebevollen Art gibt er Tristan einen Kuss
Und gesteht ihm wie gern er ihn mag
Er setzt an zum Wort und sagt: “Tristan, mein Liebster
Nach unserem gemeinsamen 3. Jahr wollte ich wissen,
Ob du nun zur Frage aller Fragen ”Ja” sagst."
Und noch bevor Tristan antwortet läuft eine Schar
Alter Damen und alter Männer vorbei 
Und ganz ohne Scham rufen Sie laut, was eine Sünde schwul sein doch sei.
Es solle bestraft werden, diese Schande
Und für genau sowas braucht man hier in Deutschland den elektrischen Stuhl!
“Naja was soll man da schon machen” denkt sich Tristan tief gekränkt,
Schwulenfeindlichkeit existiert wohl noch heut’ in unserer ach so liberalen Welt.

Mittwoch Morgen 9:50 Uhr
Lisa sitzt auf ihrem Platz,
Lauscht aufmerksam dem Unterricht,
Schreibt den Tafelanschrieb ab, bis sie die Stimme des Lehrers unterbricht 
Und er fragt:
“Was sind vier Frauen in der Küche? 
- artgerechte Haltung”.
Ha ha ha, ist das nicht witzig? Noch nie so sehr gelacht!
Der Witz passt zwar in keinster Form in den Kontext, doch darüber wurde offenbar nicht nachgedacht.
Die Jungs grölen, schreien, lachen laut
Der Lehrer tut es Ihnen gleich,
Nur Lisa fühl sich so schrecklich unwohl in ihrer Haut
Sinkt in ihrem Stuhl zusammen
Und rennt schließlich raus, 
Bis sie 2 Tage später den schriftlichen Tadel erhält -
Ihr Verhalten sei inakzeptabel.
“Naja was soll man da schon machen”, denkt sich Lisa tief gekränkt,
Solch sexistischen Witze existieren wohl noch heut’, in unserer ach so liberalen Welt.
Donnerstag Mittag 13:27 Uhr 
Jeremy sitzt im Zug,
Ein stressiger Tag
Die ganzen Hänseleien wegen seiner schwarzen Haut und seinem untypischen Style, 
Da tut die Ruhe jetzt so gut.
Die Durchsage, ein Taschendieb sei unterwegs
Lässt die Leute aufschrecken.
Lautes Getuschel,
Hektisches Quetschen 
“Schau mal was der Schwarze da macht,
Schaut auf mein Handy und deine Uhr,
Zieht sie dir schon mit seinen gierigen Blicken aus,
So ein kriminelles Schwein sollte man wieder nach Afrika schicken!”
Angekommen am Bahnhof nimmt der Spuk seinen Lauf,
Polizisten fahren Jeremy aufs Revier,
Der Arme kann dich nichts dafür,
Aber einen Schuldigen muss es halt geben 
Und Jeremy ist es schon gewohnt, Büßer dafür zu sein.
“Naja was soll man da schon machen” denkt sich Jeremy tief gekränkt,
Rassismus existiert wohl noch heut’, in unserer ach so liberalen Welt.
Freitag Früh 5:30 Uhr
Früh am Morgen ist Birgit schon außer Haus,
Arbeiten bis 19 Uhr - ohne Rast und ohne Paus’
Die Kollegen sitzen und lachen, albern und quatschen die meiste Zeit .
Birgit - jeden Tag aufs Neue verägert - langsam geht es Ihr zu weit.
Sie schuftet, schwitzt, das 13 Stunden,
Nacht für Nacht und Tag für Tag
Ständig in dem Wissen,
Dass ihr endgültiger Betrag
21% weniger, als der des Mannes ist.
Jedoch kann sie es nicht ändern, so läufst halt ab in deutschen Staat.
“Naja was soll man da schon machen”, denkt sich Birgit tief gekränkt,
Gleichberechtigung existiert wohl noch nicht in unserer ach so liberalen Welt.
Samstag Vormittag 11:17 Uhr
Julian ist mit seinen Jungs 
auf dem Sportplatz,
Bisschen kicken mit jedoch nicht allzu großer Lust.
In der Halbzeit wirft eine Frage,
Die sein Herz sehr lang schon plagt
In die Runde und er sagt...
Er wolle nicht trainieren gehen,
Keine breiten Schultern,
Keinen muskulösen Arm,
Will nicht zum Friseur, er mag sein langes Haar  
Und findet tanzen irgendwie cool.
Die Jungs toben, lachen:
“Bist du schwul?”
Doch Julian ist nicht schwul,
Er isst nur gern,
Er fühlt nur gern,
Den Takt in allerlei Musik.
Doch damit kann er sich vor seinen Freunden nicht recht behaupten,
Auch Akzeptanz lässt zu wünschen übrig.
Sie sagen er solle nach Hause,
sich die Nägel lackieren
Und Füße pediküren,
Seine Haare schön stylen
Und neue Schminke probieren
- doch das war doch gar nicht Julians Absicht.
Er wollte nur manifestieren,
Dass er andere Ziele verfolgt 
und lieber im Takt wippt.
Doch die Jungs hören schon wieder weg.
“Naja was soll man da schon machen”, denkt sich Julian tief gekränkt,
Solch’ eine Intoleranz existiert wohl noch heut’, in unserer ach so liberalen Welt.
Sonntag Morgen 8:22 Uhr
Sonnenstrahlen wecken Lena.
Raus aus dem Bett ,
Rein in das Kleid,
Brötchen holen,
Dann Frühstück daheim.
Kaum außer Haus erfolgen Pfiffe,
Rufe,
Dumme Sprüche.
Ein Mann fährt vorbei,
Pfeift und fragt,
Warum Lena denn so allein hier sei.
Fixierter Blick auf ihren Körper,
Sie will einfach nur schnell fort.
Läuft schneller, immer schneller,
Die Straße kommt ihr endlos vor.
Und dann ist sie endlich beim Bäcker.
Läuft Ihnen und fühlt sich sicher bis...
Sie hinter sich ein Flüstern hört
“Na Hübsche, Lust auf ein Stück Kuchen, genau so süß wie du?”
Sie dreht sich um und rennt und rennt,
Immer weiter,
Immer schneller.
Jeden Morgen, jeden Mittag, jeden Abend das gleiche Spiel.
Sie ist es so leid angemacht und angefasst
Und von Männern, die sie als Objekt sehen
Angetanzt, angesprochen oder auch nur angelacht zu werden.
“Naja was soll man da schon machen”, denkt sich Lena tief gekränkt,
Sexismus existiert offensichtlich noch heut’, in unserer ach so liberalen Welt.
Und keiner hat gemerkt, 
- dass Britta allein stark ist und keinen Mann in ihrem Leben braucht 
- dass schwul sein keine Sünde ist, auch Gott weiß es genau
- dass frauenfeindliche Witze nicht lustig sind und es auch nie sein werden
- dass Lohn nicht vom Geschlecht abhängig sein sollte, ohne bestraft zu werden
- dass Hautfarbe nicht Kriminalität bedeutet und uns auch allen gewiss ist
- dass kein Junge groß und stark sein muss, da diese Norm veraltet ist.
Und dass man Mädchen und Frauen in jeglicher Form in Frieden leben und gehen lässt.
Denn aus nehmen und geben,
Würde sehen und doch nicht reden.
Genau das ist das heutige Problem.
Tragen T-Shirts mit “Pride” und “Girl Power” Aufdruck, doch drehen sich weg wenn sie was sehn’.
Und so fordere ich auf, sich bei Ungerechtigkeiten zusammenzuschließen,
Denn gemeinsam kämpfen heißt gemeinsam siegen.
Ihr könnt mir nichts erzählen, auch ihr wisst gewiss:
Dass alles was heute passiert,

Morgen nicht vergessen ist.